Erfahrungsbericht 1
Erfahrungsbericht Jörg August 2005
Begonnen hat meine „Karriere“ als Angstpatient vor gut 20 Jahren. Ich bin zwar als kleines Kind schon nicht gerne zum Zahnarzt gegangen (der erste Zahnarzt meines Lebens war in meiner Erinnerung ein Schlächter), aber die Erfahrungen die ich als Teenager gemacht habe, gaben mir den Rest.
Der damalige Zahnarzt war der Meinung, daß meinem Gebiß nur zu helfen sei, wenn der komplette Oberkiefer überkront würde. Also: Marathon-Sitzungen mit Abschleifen, Schmerzen und auch verbalen Erniedrigungen („Stell Dich nicht so an, bist Du selber schuld...“). Ich habe alles halbwegs „tapfer“ über mich ergehen lassen. Als ich fertig war, war ich sicher, daß ich so schnell nicht mehr zum Zahnarzt gehen würde, nachdem was alles passiert war. Also habe ich die ersten Jahre Ruhe gehabt und dieses Thema einfach ignoriert. Es hat zwar ab und zu mal hier und da gezwickt, aber nicht so dramatisch, daß Handlungsbedarf bestanden hätte. Und selbst wenn... ich wäre nicht zum Zahnarzt gegangen.
Aber leider war bei mir der weitere Verlauf ebenso typisch wie bei anderen Betroffenen: Die restlichen Zähne wurden dadurch natürlich nicht besser. Mit jedem neuen Kariesloch wuchs die Angst vor erneuten Schmerzen durch einen Zahnarzt und das Schamgefühl nahm gleichfalls immer weiter zu. Wenn in der Familie oder im Freundeskreis das Thema auf Zähne und Zahnarzt kam, wurde ich immer ruhiger, damit mich bloß keiner direkt anspricht. Es war mir peinlich ohne Ende. Aber ich hatte nicht den Mut, daran etwas zu ändern. Ich wußte auch nicht wer mir helfen könnte, denn ich dachte, mit diesem Problem alleine zu sein. Um mich herum hatten alle super Zähne.
Eines Tages habe ich im Internet mal gezielt danach gesucht und war überrascht, wie viele Themen Google dazu ausspuckte. Ich fand auch die Seite von Herrn Dr. Macher und Spezialisten für solch Fälle wie mich. Die (eingebildete) Enttäuschung war für mich dennoch groß, denn – so hatte ich erwartet – es gibt keinen in meiner Stadt, in meiner Straße und 50 oder 60 km dafür zu fahren wollte ich nicht. Also das Thema erstmal wieder aus den Augen gelassen (absichtlich?). Meine Frau hat immer wieder vorsichtig versucht, das Thema anzusprechen, aber meine Reaktionen darauf waren wohl nicht so toll. Ich wollte einfach nicht. Dieses Thema sollte nicht öffentlich sein. Schmerzen – sofern welche aufgetreten sind - wurden mit Tabletten bekämpft. Lachen wurde vorm Spiegel geübt, damit nicht zu viel sichtbar wurde. Selbst, als im Frontbereich Teile von Zähnen weggebrochen sind. Aber trotzdem kam in mir langsam auch die Angst um meine Gesundheit hoch. Ständige Entzündungen können auf Dauer einfach nicht gut für den Körper sein. Die Phobie war aber noch immer stärker als die Vernunft.
Bis ich eines Tages vor dem Spiegel stand, meine Zähne putzte und dabei feststellte, daß aus einem Zahnrest Eiter austrat. Jetzt war es so weit. Entweder hoffen, daß es von alleine weggeht (was es aber nie tut!) oder den Schritt wagen? Ich habe den Schritt gewagt und dem nächstgelegenen Spezialisten eine Mail geschickt. Die Angst war groß, die Angst um meine Gesundheit und mein Leben war größer. Tatsächlich kam postwendend Antwort mit einem Terminvorschlag und sehr aufbauenden Worten, ohne Vorwürfe etc. Hier wollte mir jemand wirklich helfen. Ich war baff. Konnte ich jetzt noch einen Rückzieher machen? Nein! Also, Termin zugesagt. Das Gesicht meiner Frau werde ich nie vergessen als ich ihr sagte, daß ich einen Zahnarzttermin habe. Wir haben beide geweint vor Freude und Erleichterung.
Gott-sei-Dank war der Termin recht kurzfristig angesetzt, so daß ich gar nicht erst auf die Idee kommen könnte, nicht hinzugehen falls die Schmerzen weggingen. Wie auch? Habe ich mir eingebildet, daß die Zähne über Nacht neu wachsen würden und ich deshalb nicht zum Zahnarzt gehen müßte?
Als ich die Praxis betrat war ich überrascht, denn ich war der einzige Patient, niemand im Wartezimmer und ich wurde so freundlich begrüßt, als ob es nichts Einfacheres gäbe. Ich wurde ins Behandlungszimmer geführt und war froh, daß ich nicht dieses „Monster“, den Zahnarztstuhl, besteigen mußte. Ich habe meine Geschichte erzählt von Anfang bis Ende, ohne irgendwas auszulassen. Warum auch? Vor mir saß ein Fachmann, dem ich Nichts vorzumachen brauche. Er sieht sowieso was los ist. Es tat gut, darüber zu sprechen. Die Anspannung löste sich und ich konnte dann auch im Behandlungsstuhl Platz nehmen und dem Zahnarzt einen ersten Einblick gewähren. Es wurden die ersten Termine zur Behandlung vereinbart und ich bin erleichtert nach Hause gefahren. Ich wußte, ich habe den richtigen Schritt getan.
Einzelheiten über die Behandlung will ich hier auslassen. Nur eines: Es ist nicht einmal annähernd so schlimm gewesen, wie ich mir es immer vorgestellt habe. Auch das mulmige Gefühl vor den Terminen wurde von Mal zu Mal kleiner bis es irgendwann ganz verschwunden war.
Während der Behandlung ergab es sich durch einen Zufall, daß SternTV auf dieses Thema aufmerksam wurde und einen Beitrag dazu gemacht hat. So hatte ich die Chance, mich meiner Angst auch in der Öffentlichkeit zu stellen. Ich wollte zeigen, daß es anders gehen kann und ich denke, daß es ganz gut gelungen ist. Eine weitere Erkenntnis daraus war, daß viele Leute die ich kenne, mir hinterher sagten, daß sie ebenfalls Angst vor dem Zahnarzt haben und teilweise auch jahrelang nicht hingegangen sind.
Irgendwann war dann die Behandlung meines Unterkiefers fertig und ich habe mich tatsächlich auf den Termin beim Zahnarzt gefreut. Ein Jahr vorher wäre dies undenkbar gewesen.
Bedingt durch einen Umzug mußte ich mir am neuen Wohnort einen neuen Zahnarzt suchen. Ich wollte zu keinem Spezialisten mehr, denn die Fahrerei war schon anstrengend. Ich habe über einen Freund einen Zahnarzt kennengelernt, der sich in gleicher Art um mich gekümmert hat. Wir haben also im vergangenen Jahr den Oberkiefern total saniert und ich bin jetzt fertig. Ich kann´s noch gar nicht glauben. Was mache ich denn jetzt? Mir werden die Termine bei ihm fehlen, zumal man mit ihm auch mal einen Witz reißen kann.
Das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Ich bin sehr zufrieden und alle „bestaunen und bewundern“ mein neues Lachen. Auch dafür hat es sich gelohnt!
Jetzt ist die Geschichte doch länger geworden als erwartet. Ich wollte damit aufzeigen, daß es klappen kann, man kann die Angst besiegen.
Für Kritik und/oder weitere Infos stehe ich Euch gerne zur Verfügung.
Bis dahin
Euer Jörg
Kontaktadresse: j.kommallein(at)web.de (ersetzen Sie bitte at durch @)


