Erfahrungsbericht 2
Oralophobie, „ marialola“ Erfahrungsbericht
So ziemlich genau 1 Jahr ist es her, dass ich im Forum oralophobie die entscheidende Hilfe fand, um mich aus einem jahrelangen Strudel von Schmerzen, Scham, Heimlichkeiten, Versteckspielen und vor allem Angst, zu befreien.
Schuldzuweisungen ?
Ja, mit Sicherheit – ich brauchte Jahre, um meinen Eltern zu verzeihen. Sie waren zu sehr mit sich selbst und ihrer gescheiterten Ehe beschäftigt.
Unpädagogischer als die Beiden (er Theologe, sie Medizinerin) kann man mit einem Kind wohl nicht umgehen.
Hamburg Barmbek, eine ruhige Wohngegend, verschneite Vorgärten.
Der Griff um mein Handgelenk wird fester, unnachgiebig fest.
Wir betreten ein Mehrfamilienhaus, 1. Stock, ein merkwürdiger Raum, ich werde auf einen monströsen Stuhl placiert – Mund auf – ein kurzer Ruck – mein Mund ist voller Blut und mir fehlt ein unterer Schneidezahn.
Ich war, glaub ich so 6 Jahre alt. Meine erste Begegnung mit einem Zahnarzt.
Später litt ich unerträgliche Panik, wenn ich zufällig mithörte, wie meine Mutter – natürlich heimlich – Zahnarzttermine „ für mich und meine Tochter „ ausmachte.
Es waren diese Heimlichkeiten und Unwahrheiten, die schlimmer waren, als die Angst vor dem Schmerz.
Zu dieser Zeit begann ich, an schulfreien Tagen im Bett liegen zu bleiben, mich schlafend stellend, aus Angst, wieder diesen Griff um mein Handgelenk zu spüren und in diesen Hauseingang gezerrt zu werden.
Aber, da man vermehrt mit eigenen Problemen zu tun hatte, ließ man mich in Ruhe.
Dann kam der Tag, als ich mir auf dem Hamburger Dom im Autoscooter einen
Schneidezahn beim Aufprall auf das Lenkrad halb ausschlug.
Mein Mund war voller Splitter, Panik kam auf – jetzt würden sie mich wider mit Gewalt in dieses Haus zu diesem Mann im Kittel bringen.
Aber nichts geschah.
Der Schulzahnarzt empfahl irgendwann später, den Zahn wenigstens gerade zu schleifen, dann sähe es aus, als ob er noch wächst. So geschah es und das tat nicht einmal weh.
Weh tat es im Sommer danach, besser gesagt ich litt unerträgliche Schmerzen in dem Schneidezahn.
Sie nahmen täglich zu, ich verweigerte jede Nahrungsaufnahme, obwohl meine besorgte Mutter mir die leckersten Speisen anbot.
Es ging einfach nicht, die pulsierenden Schmerzen bei jeder Bewegung waren zu groß.
Nur nichts sagen, sonst wirst du wieder dorthin gebracht.
Eines Morgens weckte mein Vater mich und entdeckte mein zur Unförmigkeit angeschwollenes Gesicht.
Nun nahm er die Sache in die Hand.
Er brachte mich zu seinem Zahnarzt – und damit begann eine Zeit jahrelangen,
unvorstellbaren Leidens und der Angst.
Der Zahnarzt, ein stämmiger Mann mittleren Alters, mit einem verbitterten Gesicht, das mich an einen damals sehr unbeliebten Politiker erinnerte, wurde für die nächsten Jahre mein regelmäßiger Begleiter durch Horror, Hilflosigkeit , Schmerz.
Denn nun, da der vereitere Zahn gezogen werden musste, ordnete er eine umfassende „kieferorthopädische „ Behandlung an in deren Folge 6 oder 7 bleibende Zähne gezogen werden mussten.
Hingebracht wurde ich in die Praxis zunächst mit dem Vorwand, im nahe gelegenen Kaufhaus ein Spielzeug oder Kleidung aussuchen zu wollen.
Später ging ich mit meinen Eltern freiwillig nirgends mehr mit, selbst, wenn es sich wirklich um einen Einkaufsbummel handelte.
Die Behandlung erfolgte zumeist ohne jede Betäubung.
Vergeblich suchte ich in dem roten, fleischigen Brillengesicht nach der geringsten Spur von Mitgefühl oder gar Freundlichkeit.
Wutverzerrt brüllte er mich an, ruhig zu sein, mein Weinen vertreibe die wartenden Patienten.
Nie vergesse ich den Geruch nach meinem verbrannten Fleisch, der Bohrer hatte keine Kühlung.
Jede Behandlung tat unerträglich weh.
Ich musste alle 6 Wochen hin, und das bedeutete, ich war schon 10 Tage vorher krank vor Angst.
Zu dieser Zeit kam etwas Neues hinzu :
Mir wurde klar, dass ich absolut hässliche Zähne hatte.
Die ersten Hänseleien begannen, etwa : „ Wenn ich solche Zähne hätte, würde ich nie wieder lachen! „ oder „ Vampiergesicht „, „ Hasenzahn“, „ Bugs Bunny“.
Mir war klar, ich war hässlich, daran konnte auch die schmerzende Zahnklammer, die ich widerwillig und mit Ekel trug, nichts ändern.
Zwar schloss sich die klaffende Zahnlücke, aber ich blieb im Mund hässlich und entstellt.
Ich wurde größer und ging nicht mehr dorthin.
Körperliche Gewalt wirkte zum Glück nicht mehr, ich war zu groß geworden.
Meine Eltern mittlerweile geschieden, meinen Vater sah ich niemals mehr.
Es folgten Jahre, in denen ich nur bei unerträglichen Schmerzen einen ZA aufsuchte.
Erstaunlicher Weise, tat keiner dieser Besuche weh, die TÄ waren durchweg freundlich und einfühlsam.
Dennoch ging ich nie ein zweites Mal hin.
Grund war, dass keiner der ZÄ bereit war, mir auf kosmetischer Ebene zu helfen.
Viel wichtiger war aus medizinischer Sicht der Lückenschluss dort, wo ich bereits
Backenzähne verloren hatte.
Es sei unverantwortlich, gesunde Zähne zu beschleifen, nur meiner Eitelkeit wegen.
Brücken, ja, damit ich kauen könnte und die Zähne sich nicht verschieben.
Aber gesunde Zähne, der Optik wegen behandeln?
So schlimm sähe ich doch gar nicht aus.
Ich machte noch öfter den Anlauf, suchte ZÄ auf, aber wir stießen immer wieder an denselben Punkt.
Der letzte Zahnarztbesuch endete damit, dass man einen Weisheitszahn nicht herausbekam.
Und mich mit dem halb gezogenen Zahn nach Hause schickte, weil es Freitag und Feierabend war – Montag würde man fortfahren….
Den Zahn habe ich noch heute.
Nun kam die Zeit, dass mir im Bereich der Backenzähne immer mehr wegbrach, ich immer wieder starke Schmerzen ertrug und vor Mahlzeiten überlegte, ob ich lieber eine Aspirin einwerfe oder ob es heute einmal so geht.
Es ging 13 Jahre so und schlimmer als die Angst vor dem ZA wurde die Scham, es wurde mir unvorstellbar, meinen Mund zu öffnen und einem Menschen diese abgebrochenen Ruinen zu zeigen.
Nein, das ging einfach nicht.
Nur mein Freund wusste von meinem Problem, konnte aber überhaupt nicht nachvollziehen,
warum ich nicht einfach zu seinem ZA gehe um mir helfen zu lassen.
Nein, mit so hässlichen Zähnen konnte man eben nicht mehr zum Zahnarzt gehen.
Ich habe in meiner Arbeit sehr viel und auch gerne mit Menschen Umgang.
Nicht lachen zu können, war ein großes Handykap.
Besonders schlimm waren die Nächte, in denen ich erwachte und mit der Zunge über die Ruinen fuhr, mit dem sehnlichen Wunsch, ich würde am Morgen erwachen und durch ein Wunder wären die Zähne heil und die Lücken geschlossen.
Und das Wunder kam.
Durch einen Bericht im Fernsehen wurde mir plötzlich klar, dass es sich um ein Krankheitsbild handelt und nicht um einen persönlichen Makel.
Und : dass ich bei weitem nicht die Einzige war.
Ich fand auch die Internetseite mit dem Forum.
All dieses trug zu meinem Selbstbewusstsein bei :
Ich war gar keine schmutzige Schlampe, ich hatte ein Problem
Und ich war nicht daran Schuld !
Ich begann mich auf einen ZA Besuch vorzubereiten, indem ich mit Bleichmitteln aus der Apotheke meine Zähne wenigstens aufhellte.
Die Flecken verschwanden und ich lächelte schon öfter…..
Die Zahnarztsuche begann.
Das war ein erhebliches Problem : Ich war entschlossen mein Problem aktiv zu beenden,
mich zu befreien, aber zu wem konnte ich gehen ?
E – Mails an ZÄ blieben meistens unbeantwortet.
(wollte man Leute wie mich doch nicht ????)
In die großen, so nobel wirkenden Praxen in der City persönlich hineinzugehen dazu konnte ich mich nicht überwinden.
Diese perfekten Mitarbeiterinnen im Empfang und ich – mit meinen hässlichen Zähnen……ich Schlampe…..
Nein, das ging nicht.
Wo konnte ich nur endlich einen ZA finden?
Inzwischen hatte ich einige wenige Freunde eingeweiht und die wollten endlich erste Ergebnisse….
Das Glück (Zufälle gibt es für mich nicht) kam mir zu Hilfe, als in einem kleinen Laden, die Inhaberin , die ich vorher als Leidensgenossin erkannt hatte, plötzlich mit strahlendem
Hollywoodlachen vor mir stand!
Ich frage sie einfach, ob sie einen netten ZA in der Gegend kennt, da ich sehr ängstlich sei – es war ganz einfach diese Frage zu stellen.
Sie schrieb mir die Adresse auf.
Das hörte sich gut an : eine ganz kleine Praxis auf dem Lande, inmitten von Weiden , direkt hinter dem Deich…..
Ein ganz netter, jüngerer Za…..
Trotzdem konnte ich mich noch nicht recht überwinden, einen Termin auszumachen.
Es setzten zu Ostern dieses Jahres nämlich schier unerträgliche Zahnschmerzen ein.
So wollte ich dem Doktor meiner Wahl nicht gegenübertreten.
Ich hatte mir einmal fest vorgenommen, nicht als Notfallpatient, sondern aus völlig freien Stücken in die Praxis zu gehen!
Unter starken Schmerztabletten kreiste ich mit dem Auto herum.
Arbeiten konnte ich so nicht mehr.
Nur mit dem Auto herumfahren und schon einmal von außen einen Blick auf die Praxis werfen.
Ein ganz kleines Häuschen am Deich – genau richtig für mich.
Kein Stress, kein Andrang, keine Parkplatzsuche…
Ich fuhr nach Hause und schrieb einen Brief an den ZA.
Nicht zu lang, aber offen und schonungslos und mit der erklärten Bereitschaft mir helfen
zu lassen, wenn er mich überhaupt annehmen wolle.
Ich schrieb auch in aller Deutlichkeit über meine ästhetischen Probleme, den Wunsch, die gesunden Zähne bitte zu überkronen, rein meiner Eitelkeit wegen.
Nachdem ich den Brief in den Hausbriefkasten geworfen hatte, rief ich ein paar Tage später in der Praxis an.
Ob man meinen Brief gefunden hätte…..
Plötzlich war aber der ZA persönlich am Telefon!
Er hätte meinen Brief in der Tasche und hätte sich auch gerade melden wollen!!!!
Das Gespräch verlief so locker und ohne jede Peinlichkeit, ich machte einen Termin aus !
Zu der Zeit war ich auch wieder schmerzfrei geworden und fuhr nur voller Vorfreude und Spannung am 1. April (kein Scherz…) durch die blühende Landschaft zu der kleinen Praxis.
Da war zu keinem Zeitpunkt mehr Angst !
Ich war nur noch froh, endlich jemandem diese Katastrophen in meinem Mund zeigen zu dürfen.
Endlich nicht mehr dieses einsame Versteckspielen beenden, nicht mehr alleine sein!
Von diesem Zeitpunkt an würde mir geholfen werden!
Keine Vorhaltungen! Kein „Oh“ und „Ah „
Das größte Verdienst des ZA war, dass er mich noch am selben Tag mit einigen Provisorien in die Lage versetzte zum ersten Male seit Jahren, schmerzfrei zu essen !!!!
Das war das unglaublichste Gefühl : schmerzfrei essen zu können!!!
Am selben Abend bin ich mit meinem Freund erst einmal richtig nett Essen gegangen.
Ich habe dann regelmäßig jede Woche Freitags meinen ZA aufgesucht.
Er war auch als Erster und Einziger sofort ohne Wenn und Aber dazu bereit, erst die Frontzähne so zu verschönern, wie ich es wollte :
ja, auch im hellsten Weiß, auch wenn sie nicht kaputt waren….
Auch wenn das Andere alles viel dringender war – egal!
Auch das schreckliche Amalgam wurde ich los, die Zahnlücken, die Schmerzen, die Angst –
und vor allem wurde das Unglaubliche war : ich habe richtig wunderschöne, makellose schneeweiße Zähne und kann jeden Menschen strahlend und ohne Komplexe anlachen.
Und das tue ich bewusst und ständig.
Ich kann ohne Schmerzen essen!
Ich besuch regelmäßig alle drei Monate meinen ZA, ohne jede Angst, ganz entspannt, als ob man zu guten Freunden geht.
Er lobt mich für meine gute Zahnpflege – undenkbar für mich…
Und ich wache morgens auf, mit gesunden, heilen und schönen Zähnen, so wie ich es in meinen Alptraumnächten so sehr gewünscht hatte !!!!!
Ich kann nicht oft genug betonen : die Behandlung tat zu keinem Zeitpunkt weh, trotz Kronen und Brücken, mit Zahnziehen , Schleifen, Spritzen und allem was dazu gehört !!!


