Erfahrungsbericht 3

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Die Geschichte meiner Lebensretter


Hallo, ich heiße Heidi, bin 29 Jahre alt, verheiratet, Kinder haben wir keine, dafür aber drei Katzen. Nach dem Abitur habe ich Sozialpädagogik studiert und arbeite seit meinem Diplom im siebten Jahr ohne einen Tag Arbeitslosigkeit. Mein Mann hat eine unbefristete Stelle in unserer Stadt und eine tolle Wohnung haben wir auch. Das hört sich doch klasse an- alles perfekt?!

Mit Sicherheit nicht.

Ich habe Angst. Nein, keine Angst, sondern eine Phobie. Angst, das ist in meinen Augen das, was alle Menschen irgendwie haben- ein ungutes Gefühl im Bauch, das man aber überwindet. Meine Angst/Phobie beherrschte mein Leben. Heute kann ich sagen beherrschte, nachdem ich nach 25 Jahren das erste Mal wieder bei einem Zahnarzt war, aber ich fange lieber ganz vorne in meiner Geschichte an:

Ich bin das jüngste von 4 Geschwistern. Die älteren 3 sind so viel älter, dass ich ab meinem 6. Lebensjahr alleine bei meinen Eltern war- nicht zuletzt, weil meinen Eltern alles egal war. Denn damals ist meine Schwester mit 14 Jahren zu ihrem Freund gezogen. Seit meiner Geburt hat meine Mutter manische Depressionen. Sie hat die meiste Zeit in der geschlossenen Psychiatrie verbracht- nach Selbstmordversuchen. Meine Mutter hatte starke Stimmungsschwankungen, das typische zwischen Himmelhochjauchzend und Selbstmordversuchen- etwas dazwischen existiert nicht. Diese Phasen konnten Minuten, Stunden oder Tage dauern. Gesund habe ich meine Mutter nie kennen gelernt. Mein Vater war entweder arbeiten oder ging Schach spielen und gab mir den Auftrag aufzupassen, dass meine Mutter (gelernte Krankenschwester) keine Medikamente nimmt, um sich umzubringen. Zu meinen Geschwistern brach meine Mutter immer mal wieder für Jahre den Kontakt ab, da sie in ihrem Verfolgungswahn glaubte, dass alle ihr etwas Schlechtes wollten. Um mich kümmerte sich niemand. Ich wartete entweder vor der Tür der geschlossenen Psychiatrie oder bei meiner Oma, die nur schimpfte, dass mit so einer Mutter aus mir nichts wird.
Meine Eltern waren einfach nur mit sich und der Krankheit meiner Mutter beschäftigt. Sie waren der Ansicht, dass sie mit mir und meinen 3 älteren Geschwistern nicht zum ZA gehen, weil mit der Angst müsse man sich ja schämen und außerdem würden wir schon von uns aus und allein gehen, wenn die Schmerzen groß genug wären. Der Plan hat bei meinen 3 Geschwistern geklappt- bei mir nicht. Ich erinnere mich noch, dass mein Bruder nachts zum Notarzt ging, weil er so schlimmes Zahnweh hatte. Das gleiche machten meine Eltern bei Spritzen. Als ich 8 Jahre alt war, sollte mir im Krankenhaus ein Zugang gelegt werden. Ich hatte Angst und weinte. Mein Vater meinte, dass man sich schämen müsse mit mir und ist raus gegangen, dann hat mich eine Gruppe von 5 Pflegern festgehalten und mir den Zugang gelegt. Seitdem gerate ich auch bei so etwas in Panik.

Ich war in unserer Familie die, die immer stark war. Meine Geschwister haben die Schule und mehrere Ausbildungen abgebrochen. Und ich? Nach außen hin alles prima, Schule, Studium, Arbeit. Aber in mir- Angst!!!! Ich konnte keine Schwäche zeigen. Ich wollte stark sein und hab bis jetzt Schmerzen, dicke Backen und abbrechende Zähne ertragen.

Es gab keine Sekunde des Tages, an der ich nicht an meine Zähne gedacht habe. Meine Gedanken kreisten vor allem um diese Themen: Wie halte ich die Schmerzen aus? Wenn mich jemand darauf anspricht? Wie reagiere ich dann? Was kann ich essen, ohne dass meine Mitmenschen etwas merken? Was kann ich überhaupt noch kauen? Was mache ich, wenn Teile von meinen Zähnen abbrechen, so dass ich nicht mehr sprechen bzw. es nicht verbergen kann? Wie kann ich aus dieser Angst heraus?
Ich konnte keinen Moment mehr genießen. Permanent waren diese Gedanken in meinem Kopf.
Egal wo, permanent war ich angespannt, auf der Hut. Wenn mich jemand anspricht. Gemeinsame Unternehmungen mit anderen Leuten? Für mich Anstrengung pur! Ich konnte das nicht genießen- nur die Angst war da, so dass ich mich immer mehr abkapselte- mit Ausreden.
Seit langen Jahren wusste ich, dass ich etwas tun muss. Aber an wen wende ich mich???
Seit ich zwölf Jahre alt bin hatte ich ein Loch in einem Schneidezahn. Seitdem war es für alle sichtbar. Meine Eltern? Erst nach 3 Jahren, als ich 15 Jahre alt war, haben Sie gemeint, ich sollte doch zum Arzt gehen. Da ich das nicht machte, bekam ich kein Taschengeld mehr, wurde nirgends mehr hingefahren. Dann hatte meine Mutter eine tolle Idee: sie wollte mit mir einen Vertrag machen. Ich sollte unterschreiben, dass ich selbst für meine Zähne verantwortlich bin und sie keine Schuld daran hat und auch keine Kosten übernimmt, wenn ich sie mir machen lasse. Tja, weder Taschengeldentzug, noch Verträge, die ich nicht unterschrieben habe, konnten mich zu einem Arzt bringen. Meine Eltern meinten nur, sie müssten sich mit mir schämen. Wenn meine Schwester (abgebrochene Lehre als Zahnarzthelferin) da war, machten sie sich gemeinsam über meine Zähne lustig.

Von Jahr zu Jahr ging es mir immer schlechter. Jedes Jahr an Weihnachten stellte ich mir vor, wie ich das nächste Weihnachten keine Angst mehr hätte. Es gingen viele Weihnachten ins Land. Wie mein Mann all die Jahre voller Angst mit mir ausgehalten hat, kann ich mir auch heute kaum vorstellen. Denn Platz für Gedanken an unsere Beziehung war in meinem Kopf schon lange nicht mehr.
Zuletzt war ich laut Erzählungen vor 25 Jahren beim Zahnarzt. Dementsprechend schlecht ging es mir auch.
Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Seit über einem Jahr war ich nur noch schreckhaft und dachte nur noch daran, was passiert, wenn mich jemand anspricht und wenn die Zähne abbrechen. Nähe und Gemeinschaft konnte ich kaum noch ertragen- auch nicht von meinem Mann. Meinen Anblick im Spiegel konnte ich seit mindestens einem Jahr nicht mehr ertragen, dementsprechend bin ich jedem Spiegel aus dem Weg gegangen. Ein Besuch beim Friseur war für mich folglich Horror pur. Das Arbeiten wurde für mich immer schwieriger- die Freizeit auch. Niemand wusste von meiner Angst. Seit Februar 2007 hatten meine Ängste Auswirkungen auf meine Arbeit. Ich war nur noch hektisch, unkonzentriert und wartete wie ein geschlagener Hund jede Sekunde darauf, dass man mich anspricht und dass alle restlichen Zähne abbrechen (die, die noch übrig waren). Ich lebte nur noch von einem Tag zum anderen und konnte mir nicht vorstellen die nächste Woche bzw. den nächsten Monat zu überleben. Ende Februar 07 hatte ich dann zwei Wochen ununterbrochene Schmerzen an meinen Backenzähnen. Die Schmerzen waren kaum zum Aushalten. Bis dahin hatte ich keine Schmerzmittel genommen. Jetzt ging es nicht mehr ohne. Nach zwei Wochen rief ich bei allen Neurologen in unserer Stadt an. Alle hatten erst in 3 Monaten einen Termin. Dann rief in den Therapeuten an, bei dem ich vor 3 Jahren wegen dem Verhältnis zu meinen Eltern in Therapie war. Ich bekam für Ende Mai einen Termin. Die Schmerzen waren wieder weg- aber die Gedanken nur noch bei den Ängsten. Auf der Arbeit wurde es immer schlimmer. Zu meinen Ängsten kam Mobbing. Ohne meine permanenten Gedanken an die Ängste hätte ich mit Sicherheit darüber gelacht. So brach meine Fassade immer mehr. Ich brach auf der Arbeit in Tränen aus und konnte kaum noch klar denken.

Dann der erste Termin bei meinem Therapeuten. Ich brachte 1 Stunde kein Wort heraus. Beim zweiten Termin das gleiche. Ich konnte es nicht sagen. ich schämte mich so sehr. Dann machte er mir den Vorschlag, dass ich ihm einen Brief schreibe. Das habe ich getan. Acht Seiten lang habe ich meine Ängste und Sorgen aufgeschrieben. Doch ich konnte immer noch nicht darüber sprechen. Dann hatte mein Therapeut einen Monat Urlaub. In dieser Zeit wurde alles nur noch schlimmer. Ich drehte auf der Arbeit fast durch. Ich konnte nicht unterscheiden, ob das Mobbing oder Wohnvorstellungen wegen meiner Angst war. Anfang Juli brach ich dann zusammen. Ich kam noch ruhig aus der Arbeit, ging zu meinem Therapeuten und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Ich weinte fast 2 Tage. erst nach 2-3 Wochen wurde ich wieder ruhiger. Aber ich war allein daheim- mit meiner Angst allein.

Dass ich etwas tun muss, war klar. Ende Juli hab ich das Forum entdeckt. Nachdem ich eine Woche mitgelesen habe, habe ich todesmutig auf der Spezialistenliste entdeckt, dass 2 Ärzte mit 160 km am nächsten zu mir sind. Die erste wollte mir in 2 Monaten einen Termin geben. Also habe ich weiter telefoniert. Und was bin ich erschrocken, als Dr. Wiegand persönlich den Hörer abgenommen hat. Ich habe ihm gesagt, dass ich Angst habe und dass ich schnell einen Termin brauche, damit mich der Mut nicht verlässt. Zwei Tage später hatte ich meinen ersten Termin. Das war am 8.8.07. Wir haben nur geredet- na ja und ich habe geweint. In meinen Mund schauen lassen wollte ich ihn noch nicht, dafür war die Angst zu groß. Eine Woche später war dann Termin für die Befunderhebung. Vor der Praxis habe ich so gezittert und geweint, dann habe ich meinen Mann angerufen, dem ich erst 3 Tage vorher von meiner Angst erzählt habe (nach 9 Jahren). Er meinte, wenn er nur schaut und röngt, dann macht er ja heute gar nix- AAAAHHHH. Der Arme musste meine Angst wohl erst noch verstehen. Also bin ich mutig und zitternd in die Praxis und die nette Dame sagte: Sie haben aber heute keinen Termin, oder? Der Dr. war nicht da, er hatte einen Termin außerhalb und hatte versucht mir per Mail abzusagen. Nach einem Telefonat mit Dr. Wiegand wurde vereinbart, dass ich bis 18 Uhr warte, bis er wieder kommt und ich dann dran komme. Total lieb war seine Frau: ein EDV-Mann, der gerade was am PC gemacht hat, meinte zu mir, vor dem Zahnarzt muss man nicht zittern. Darauf hin meinte sie, doch Frau H. kann hier ruhig zittern! Lieb, gell! Um 18 Uhr hatte ich immer noch fürchterliche Angst, erst nach 20 Minuten reden und der Zusicherung, dass ich nicht gesagt bekomme, welche Diagnose ich habe und dass dabei keine "Zahnreste" abbrechen, durfte Dr. Wiegand in meinen Mund schauen. Tja, ich bin halt doch ein Angsthase, wie er im Buche steht: ich konnte nur ertragen, dass der Arzt meinte, dass ich wohl wüsste, dass viel zu tun sei. Der Mut hat leider für keine Röntgenbilder gereicht. Aber Dr. Wiegand meinte, das sei nicht schlimm, das sieht er dann bei der Vollnarkose. Keine drei Wochen nach meinem ersten Termin hatte ich meine OP.
Wie ich es geschafft habe vom ersten Termin bis zur OP durchzuhalten? Ich kann es nur schwer erklären. Nach dem ersten Telefonat war mir klar, dass mir nur dieser Arzt helfen kann und dass es keinen anderen Weg für mich geben wird. Danach war ich eigentlich nur noch ungeduldig und aufgeregt, wann es endlich weitergeht.

Und dann hat mein neues Leben begonnen:

Ich wurde am 28.8. operiert, nachdem ich 25 Jahre nicht beim Zahnarzt war. Was genau gemacht wurde habe ich mir aus Angst nicht sagen lassen. Ich weiß nur, dass ich 7-8 Backenzähne weniger habe, einige Füllungen gemacht wurden und zentimeterdicker Zahnstein (schäm- aber ich kann es mittlerweile schreiben) entfernt wurde.

Erst seit 31.8. (nach dem Kontrolltermin) fange ich langsam an zu begreifen, was da passiert ist. Nach 25 Jahren mit dieser Angst (ich bin 29 Jahre alt) beginnt für mich tatsächlich ein neues Leben.

Bis zum OP-Tag war mein Leben voller Ängste. Es gab keine Sekunde des Tages, an der ich nicht an meine Zähne gedacht habe. Ich konnte keinen Moment mehr genießen. Permanent waren diese Gedanken in meinem Kopf.

Nachdem ich 25 Jahre so gelebt habe und damit aufgewachsen bin, fällt es mir zunächst schwer anders zu denken. Erst seit meinem Kontrolltermin fange ich an das neue Leben zu entdecken. Am 1.9.07 war ich mit meinem Mann bei einem Betriebsausflug seiner Firma. Noch vor einer Woche hätte ich eine Ausrede erfunden, um nicht mitzumüssen. Aber an diesem Wochenende nicht.

Alles ist anders geworden. Ich denke mittlerweile kaum noch an meine Ängste. Wenn dann erinnere ich mich an den OP-Tag und den ersten Blick in den Spiegel . Ich könnte alle Welt anstrahlen. Nicht mehr nur an Angst zu denken ist unglaublich, was man alles tun kann und worüber man sich freuen kann- dafür war vorher kein Platz in meinem Kopf!

Am Wochenende habe ich die ersten Erfahrungen mit meinem neuen Leben gemacht: Ich kann jemanden anschauen, wenn ich rede; ich kann etwas genießen; ich kann Nähe zulassen und genießen (auch die von meinem Mann); ich kann lachen; ich kann tun und lassen was ich will!

Heute morgen habe ich in der Dusche vor Glück geweint, weil ich immer mehr begreife, wie sehr sich mein Leben verändert hat. Ich fühle mich wie frisch verliebt- in das Leben :-)

Nun aber zu dem Thema meines Erfahrungsberichtes: Lebensretter. Ohne das Forum (inklusive Hotline), die Spezialistenlisten und Dr. Wiegand mit Team hätte ich das nicht geschafft. Sie alle sind meine Lebensretter. Sie haben mir gezeigt, dass ich Hoffnung haben kann und dass es ein neues Leben- ohne Angst, geben kann. Auch als ich das am Anfang kaum glauben konnte, haben mir alle Hoffnung gegeben. So wurde aus Hoffnung Glaube und mittlerweile Vertrauen.

Mein ganz privater Lebensretter ist mein Mann, der zu mir und meinen Ängsten, die ich ihm 9 Jahre verschwiegen habe, steht. Nachdem er mich so lange Zeit unausgeglichen erlebt (und ertragen) hat, genießen wir jetzt gemeinsam mein neues Leben.
Warum ich das schreibe? Zum einen aus Dankbarkeit und zum anderen, weil ich jedem Mut machen will zu Hoffen. Ihr schafft das auch.

Was aus meiner Phobie geworden ist? Ihr habt es vielleicht gemerkt: Ich schreibe mittlerweile von Angst, weil ich daran arbeite, sie zu besiegen. Gemeinsam mit meinem Zahnarzt arbeite ich in kleinen Schritten an meiner Angst. Am Kontrolltermin war es ein toller Erfolg, dass ich einfach den Mund öffnen konnte. In einem nächsten Termin konnte ich den Mund öffnen und mir mit einem Metallteil auf einen Zahn klopfen lassen. Außerdem habe ich „richtig“ Zähneputzen gelernt (meine Eltern haben es mir nicht beigebracht)- vorher wurde mir dabei schwindelig. Ich vertraue meinem Zahnarzt immer mehr. Er geht mit mir die kleinen Schritte, die ich aushalte- im Kampf gegen meine Angst.