Erfahrungsbericht 5
Erfahrungsbericht von Dhigenis
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Der lange Weg
So – nun ist es soweit.
Es ist der 08.04.2010 und für mich beginnt ein neues Zeitalter! Seit fast 26 Jahren betrete ich wieder eine Zahnarztpraxis. Ich habe mich extra von einem guten Freund mit dem Auto begleiten lassen, damit ich mich auch wirklich der Situation stelle und keine neuen Vermeidungsstrategien entwickele. Die Schwester an der Rezeption ist genauso freundlich, wie sie das bereits bei der telefonischen Absprache war. Frau Dr. A. sei auf dem Gebiet Oralphobie Spezialistin und wenn Sie mir nicht helfen könne, dann niemand. Das klingt beruhigend, aber bis jetzt ist es eben nur freundliches Reden.
Mein Herz klopft, als ich das Behandlungszimmer betrete und auf den Zahnarztstuhl gebeten werde. Ich suche Zuflucht auf einem abseits stehenden Stuhl (heute kommt mir dieses Verhalten nur noch albern vor) und versuche meine mir unangenehme Situation detailgetreu zu schildern. Frau Dr. A. hört sich meine Geschichte geduldig – die sie so oder ähnlich wahrscheinlich schon tausendfach gehört hat – an. Am Ende fragt sie mich, ob ich bereit sei, dass sie mein Gebiss – oder was davon noch übrig ist – begutachten darf. Ich bin dies erst einmal nicht. Die Scham obsiegt noch, ein wenig Zweifel bekomme ich trotzdem.
Was kann mir schon passieren?
Ich allein darf entscheiden, wie weit ich heute (und dann auch bei allen anderen Behandlungen!) gehen möchte. In einem der anderen Behandlungsräume der Gemeinschaftspraxis darf ich mich ganz allein an die Geräte und an die Lage im Behandlungsstuhl gewöhnen. Ich muss gestehen, so furchteinflößend wie vor 26 Jahren sieht das alles nicht mehr aus, das ganze Ambiente ist angstnehmend und die leise Musik im Hintergrund dringt sanft in mein Unterbewusstsein. Es klingt vielleicht lächerlich, aber ich übe sogar, wie ich meinen Mund öffne.....
Nach 20 Minuten lasse ich es auf Ihre erneute Frage zu, allerdings ist mir zunächst die Anwesenheit der Zahnarztassistentin R. noch unangenehm. Als diese den Behandlungsraum verlassen hat, folgt die erste Bestandsaufnahme.
Eine Katastrophe – denke aber eben nur ich!
Sachlich und in ruhigem Ton erklärt mir Frau Dr. A. die notwendigen ersten Schritte zur zeitnahen Behandlung. Inzwischen habe ich immerhin schon soviel Vertrauen gefasst, dass ich mir im Anschluss von der Assistentin R. den Zustand meines Gebisses komplett röntgen lasse. Ich habe von niemandem Vorwürfe zu hören bekommen, habe auch bereits nach dieser ersten Behandlung vollstes Vertrauen (das war und ist für mich ein ganz entscheidendes Kriterium) in die Behandlung und Schweigepflicht aller Beschäftigten und bin mir nach 90 Minuten bewusst, dass wirklich alle in dieser Praxis Tätigen über die Krankheit Oralphobie Bescheid wissen. Ein wenig stolzer trete ich wieder hinaus in den sonnenüberfluteten Tag.
Auf meinem Behandlungsplan kann ich herauslesen, dass insgesamt 16 Zähne entfernt und weitere 10 vollkommen saniert werden müssen. Macht in Summe 26 – für jedes Jahr einer, denke ich. Doch meine Entscheidung ist unwiderruflich gefallen.
Bei der Rückfahrt denke ich, wie hast du nur so lange mit dieser Entscheidung warten können? Ich bin mir meinem Problem rational schon bewusst gewesen. Doch wie bin ich dahin gekommen? Als Kind und Jugendlicher habe ich auch dank meiner Eltern eine regelmäßige Zahnarztbehandlung genossen. Irgendwann war dann einmal für mich als Leichtathlet ein Wettkampf wichtiger als ein Termin beim Zahnarzt. Um nicht in Erklärungsnöte zu geraten, zögerte ich weitere hinaus und wechselte schließlich den Arzt. Die Behandlungen dort ließ ich zwar notwendigerweise über mich ergehen, bin jedoch von ihm stets verbal erniedrigt worden( zu diesem Thema später etwas mehr). Vor allem fehlte jedoch eine gemeinsame Kommunikation und beratende Hinweise auf eventuelle Besonderheiten, die durchaus bei Behandelnden auftreten können. Schließlich gab ich es ganz auf, einen Zahnarzt aufzusuchen. Dieser Kreislauf geriet immer mehr in Schwung und wurde zunehmend unkontrollierbarer. Zunächst schenkte ich den kariesbehafteten Zähnen kaum Beachtung, wähnte mich in dem Glauben, dass bekomme ich schon wieder alles auf einmal hin.
Schmerzen ertrug ich, ohne irgendwelche chemischen Substanzen zu mir zu nehmen (das versuche ich auch heute noch so zu praktizieren – inzwischen habe ich dabei aber auch anderweitig Hilfe und Hilfe zur Selbsthilfe erfahren). Zu Beginn des Verfalls konnte ich mit Nelkenöl die Schmerzen noch kaschieren. Ich muss hier sicher nicht im Detail sämtliche Szenarien schildern, die wir als Betroffene so durchleben und durchleiden. Bei anhaltenden Schmerzen minütlich im Bad die noch vorhandenen Zahnreste putzen, obwohl man genau weiß, dass dies kaum hilft. Kühlakkus aus dem Tiefgefrierfach auf die schmerzende Wange oder den Kopf legen und früh übermüdet ein paar Sequenzen Schlaf erhaschen. Dann den ganzen Tag wie abwesend an sich vorbeirauschen lassen und abends beginnt der der Kreislauf von Neuem. Ich kann hier nur kundtun, dass ich all die Aktionen und Verdrängungen weiß, immer mit dem Vorsatz begleitet, sich morgen dem Problem endlich zu stellen.
Ungezählte Szenarien malte ich mir aus, was mich erwartete, wenn ich wieder einen Zahnarzt aufsuchen würde. Aus dem Morgen wird dann ein Übermorgen, dann eine nächste Woche und meist ein nebulöses Irgendwann. Persönlich bin ich mitunter zwei, drei Wochen mit angeschwollener Wange durch die Welt gegangen, bis der betreffende Zahn oder die Wurzel tot war und sich von selbst beruhigte oder ich half nachts mit ausgeglühten Nadeln nach, die ich mir selbst in das Zahnfleisch stach, um die Vereiterung abfließen zu lassen. Als dann die ersten sichtbaren Schäden zutage traten, gab es natürlich neue Probleme. Ich erfand immer neue, kaum glaubhafte Ausreden, die ich meinen Verwandten und Freunden offerierte. Gleichzeitig entwickelte ich unbewusst eine Strategie, mit der es mir möglich wurde, mit fast geschlossenem Mund deutlich zu reden. Unbeschwertes Lachen vermied ich. Auf Fotos hielt ich den Mund fest geschlossen. Essen zu sich nehmen glich manchmal eher dem Bild von Geiern, die sich die Nahrung aus den Kadavern herauspicken.
Kamen Gespräche zu diesem Thema auf, wich ich aus oder negierte sie einfach. Mit der Zeit gewöhnte sich auch mein Umfeld an mein Aussehen und darüber gesprochen wurde fast nie mehr. Es war entscheidend, was ich tat und wie ich dachte, so wurde ich akzeptiert – alles andere war sekundär. Und doch wusste ich, dass insgeheim bestimmt darüber manchmal geredet wurde. Die Entwicklung ging dann soweit, dass ich mir zwar weiterhin jeden Tag morgens und abends die noch vorhandenen Zähne und die verfaulten Reste der nicht mehr vorhandenen putzte, ich mich jedoch selbst im Spiegel nicht mehr ansah. Meine Zähne gehörten nicht mehr zu meinem sonst eigentlich relativ gesunden Körper. Ich hatte mich mit dem Zustand „arrangiert“, wusste auch, dass schadhafte Zähne Krankheitsherde für andere Organe sein können und jeder Zahn ein Organ symbolisiert. Wenn es so sein sollte, würde ich eben eher sterben – diese apathische Haltung gehörte durchaus zu meiner Lebenshaltung. Und wenn es ganz schlimm kommen sollte, würde ich in die Garage gehen
und den Motor laufen lassen.........
Dies war meine fast tägliche Gefühlswelt, sprich damalige eingeschränkte Lebensqualität.
Und dann – dann hatte ich das Glück, mit einer Heilerin persönlich in Kontakt treten zu können. Ich sage bewusst Heilerin und nicht etwa Homöopathin(obwohl sie diesen Abschluss auch besitzt) oder alternative Medizinerin Eigentlich wollte ich bei ihr Rat und Hilfe für meine Mutter einholen, um sie von dem sinnlosen Akt der Chemotherapie zu befreien, aber nun erfuhr ich selbst ziemlich rasant Hilfe. Das geschah auf einer für mich völlig neuen Ebene. Ich hatte zwar viel darüber gelesen, gehört und mit bereits Wissenden gesprochen, aber nun erfuhr ich geistiges Heilen selbst. Und das mit einer Macht und Intensität, die mich anfangs etwas erschreckte. Heute weiß ich, dass ich offene Türen eingerannt hatte. Von diesem Zeitpunkt aus lief jedenfalls mein Weg schnell sowie zielgerichtet und kontinuierlich nach vorn.
Zunächst erkundigte ich mich bei meiner Gesundheitskasse - DAK – wo es in meiner Nähe Psychologen gibt, welche mich bei diesem Problem begleiten können. Gleichzeitig erfragte ich zu dem selben Problem, welche Dentisten ortsnah für meine Krankheit in Frage kommen. Schnell erhielt ich Antwort und begab mich auf die Suche. Die erste Psychologin, welche ich anrief, meinte zwar, dass sie darin Erfahrung habe, jedoch ausschließlich Frauen begleiten würde. Toll, und das in einem Land mit Gleichberechtigung! Unbewusst ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass wahrscheinlich das Klischee von Männern und Phobien noch nicht so ganz ausgeräumt ist. Bei dem zweiten Psychologen hatte ich am Telefon eine nicht so gute Intuition. Anders kann ich meine Absage nicht erklären.
Die dritte Psychologin Frau N. meinte dann, dass sie auf diesem Gebiet keine Spezialistin sei, sich aber durchaus zutraut, mir zu helfen. Da war es wieder – Vertrauen in jemand haben! Um dieses Thema nicht auszuweiten möchte ich nur sagen, dass ich bereits nach vier Sitzungen bereit war, mich persönlich in eine zahnärztliche Praxis zu begeben. Diese Hilfe war angebracht und zwingend notwendig für mich. Ganz wichtig, dass ich gleichberechtigt mit Frau N. auf einer Stufe diskutieren konnte. Sicher war für mich die Ursache nach dem Ursprung der Krankheit bedeutsam und wir fanden sie wie bereits erwähnt auch in den verbalen Erniedrigungen in meiner Jugend durch den damals mich behandelnden Zahnarzt. Diese hatten sich doch mehr in meinem Bewusstsein manifestiert, als ich es wahrnehmen wollte. Dadurch wurden dann verschiedene Vermeidungsstrategien begünstigt.
Aber, und das war eine der hilfreichsten Erkenntnisse für mich – ich sollte mich nicht so sehr mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern mich konsequent auf meinen jetzigen Weg konzentrieren.Das sah und sieht die mich behandelnde Dentistin übrigens deckungsgleich genau so, und relativ schnell verinnerlichte ich dies auch. Die letzten sechs Wochen redeten wir dann nur noch über gesellschaftliche Missstände und nicht mehr über meine Krankheit. Nach einem halben Jahr konnten wir die psychologische Begleitung für erfolgreich abgeschlossen erklären. Ich kam inzwischen allein klar. Doch bedeutsam war eben auch die Aussage der Psychologin, das sie durch ich eine Unmenge über diese Krankheit (und anderes) erfahren hat und sie nun weitere Betroffene in einer höheren Qualität begleiten könne. Ein weiterer wichtiger Aspekt (wie im gesamten Leben auch) auf diesem Weg – voneinander profitieren können!
Nun hatte ich den 08.04.2010 hinter mir und am 12.04.2010 sollte meine „eigentliche“ Behandlung beginnen.
Pünktlich und sehr nervös erscheine ich in der Praxis. Die Wartezeit ist minimal, bevor mich Frau Dr. A. persönlich in den Behandlungsraum bittet und begleitet. Ich habe zwei Stunden zuvor mit meinem verstorbenen Vater und mit mir wichtigen Personen Zwiesprache gehalten und ihn und diese um Hilfe gebeten, genau so mit für mich existierenden übergeordneten Wesenheiten. Dieses „Ritual“ halte ich bis heute bei. Mir geht es vordergründig dabei um schmerzarme und zeitnahe Behandlungen. Im Nachhinein bedanke ich mich bei all meinen Helfern.
Man mag über solche Dinge lächeln oder den Kopf schütteln – entscheidend ist und bleibt, was jedem persönlich hilft! Und da ist alles erlaubt!
Entspannungs- und Atemtechniken habe ich gelernt, jetzt möchte ich sie auch anwenden. Die Anwesenheit der mir bisher unbekannten Assistentin J. irritiert mich schon nicht mehr. Ich begebe mich voller Zuversicht in die Hände dieses Teams. Frau Dr. A. möchte zunächst meinen oberen Frontbereich so sanieren, dass ich kurzfristig mit einem Provisorium leben kann. Dazu fangen wir mit etwas „Einfachem“ an, mit der Extraktion eines Zahnes mit kleiner Wurzel. Ein unbestreitbarer Vorteil ist, dass ich keinerlei Angst vor Spritzen habe. So lass ich mir ruhig die betreffende Stelle narkotisieren. Auch hier stelle ich fest, die Kanülen haben viel von ihrer vielleicht für manch einen furchteinflößenden Größe und Kompaktheit der letzten beiden Jahrzehnte verloren. Den Einstich verspüre ich kaum, die Taubheit breitet sich kurzfristig aus. Dann greift Frau Dr. A. zur Zange und nähert sich meinem Mund. Ich mache die Augen zu....
Wir haben vorher vereinbart, dass ich jederzeit die Behandlung mit einem Handzeichen unterbrechen kann und zwischendurch werde ich gefragt, ob ich eine Pause benötige. Das gibt mir doch Sicherheit und das Gefühl der eigenen Entscheidung. Zunächst merke ich nur, dass mechanisch etwas passiert, die Wurzel wird gelockert. Dann beginnt der eigentliche Vorgang, ich versuche mich auf meine Bauchatmung zu konzentrieren, Assistentin J. und Frau Dr. A. lenken mich wechselseitig durch hilfreiches Zureden ab, so dass mein Gehirn gar keine Zeit hat, sich auf das Geschehen zu konzentrieren und mit einem abschließendem Knirschen ist der erste verrottete Zahn gezogen. Geschafft!
Das etwas unangenehme Druckgefühl zwischen Brust und Magen bekomme ich in der Folgezeit durch das Einreiben mit der preiswerten Junission Essenz weg, außerdem verhilft mir diese beim Beginn auch zu einem ruhigen Schlaf, wenn anderen tags eine Behandlung stattfindet. Ähnlich verlaufen die nächsten Behandlungen in relativ kurzen Rhythmen von zwei Tagen, bei der dritten konnte ich mir gar schon zwei Zähne auf einmal extrahieren lasen. Fast glaube ich schon eine gewisse Routine zu entwickeln, da komme ich am 21.04.2010 an meine Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit.Und das liegt nicht an der dritten Assistentin N., welche ich an diesem Tag kennenlerne. An diesem Tag wird der linke Schneidezahn im Oberkiefer entfernt. Die Wurzel ist jedoch so weich, dass sie keine Angriffsfläche zum Ziehen bietet. Also muss sie regelrecht heraus gefräst werden. Das ist zunächst einmal zeitintensiv. Außerdem kann ich mir als ehemals in der Metallbranche Beschäftigter sehr genau bildlich vorstellen, was konkret abläuft. Und dann kommt da noch das penetrante Geräusch des Fräsers und die oftmaligen Versuche des Ansetzens der Zange dazu. Meine Bauchatmung und auch beruhigende Worte helfen nur wenig.
Doch gerade als ich meine, den Vorgang freiwillig mit dem vereinbarten Handzeichen abbrechen zu müssen, gibt die Wurzel endlich nach. Ich benötige zunächst eine halbe Stunde, um wenigstens den Heimweg antreten zu können. Und dann versuche ich mit Hilfe der Heilerin G. und der Psychologin Frau N. das Geschehen zu verarbeiten.
Am 26.04.2010 ist der nächste Termin und ich bin wieder ein wenig nervöser wie sonst. Ich sage auch offen, dass ich heute nicht so recht bereit bin für eine Behandlung und vereinbare mit Frau Dr. A., das ich in der Folgezeit maximal zwei Termine pro Woche wahrnehmen und dass ich Extraktionen bitte nur noch bei abnehmendem Mond vornehmen lassen möchte. Das wird sich im Verlauf der weiteren Behandlungen als sehr hilfreich für mich herausstellen. Dann frage ich sie, ob jeder Patient behandelbar ist mit dem kleinen Hinweis auf Vollnarkose. Dies ist für sie absolut die letzte mögliche Alternative, weil nach ihrer Meinung damit nicht das Problem beseitigt wird. Ich sehe dies bereits ebenfalls so, aber ihre Bestätigung gibt mir das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich zögere dennoch, ob ich jetzt etwas machen lasse. Einerseits möchte ich schon, andererseits sind noch die Erlebnisse der letzten Behandlung in meinem Bewusstsein. Sie gibt mir alle Zeit der Welt; bietet mir sogar an, eine Spritze zu geben und danach könne ich immer noch entscheiden. Das will ich nun aber nicht und so nehme ich nach zehn Minuten Platz auf dem Behandlungsstuhl. Das Bohren zur Kariesentfernung ist im Gegensatz zum letzten Erlebnis der reine Kindergeburtstag. Ich bekomme am Ende Lob von allen Seiten und gehe gestärkt aus dem Ganzen hervor.
Im Laufe der Zeit bringe ich natürlich in Erfahrung, dass Frau Dr. A. eine fundierte psychologische Ausbildung abgeschlossen hat, einen homöopathischen Abschluss besitzt und das auch alle ihre Assistentinnen ebenso über psychologische Ausbildungen verfügen. Dies alles deckt sich mit meiner Vorstellung, dass nichts zufällig geschieht und das der, welcher beharrlich sucht, auch das Passende findet.
Ich entwickele mit der Zeit wieder eine normale Beziehung zu einer Zahnarztpraxis, selbst das manchmal etwas längere Warten (was zwar selten ist, jedoch auch wegen anderen zu Behandelnden ab und zu vorkommt) macht mir nicht mehr das Geringste aus. Das gesamte Team hatte erkannt, dass dies nicht unbedingt zu meinen Stärken gehörte und die Termine entsprechend gelegt. Zwei Monate später ist mir das dann egal. Nach sechs Wochen kann mein erstes Provisorium angepasst werden. Es ist zunächst ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl und vorsichtig taste ich ich mich wieder an längst verlorene Essgewohnheiten heran.
Doch es ist auch ein unbeschreiblich tolles Selbsterfahren, dass ich wieder unbeschwert Reden und Lachen kann, ohne die Angst zu haben, argwöhnisch betrachtet zu werden. Und mein Umfeld registriert diese Veränderungen natürlich auch. Meine Mitglieder aus dem Basketballteam klopfen mir auf die Schulter, die Leute aus unserem soziokulturellem Zentrum meinen, ich soll mich jeden Morgen selbst im Spiegel loben, dass ich es geschafft habe. Meine Verwandten sind umsomehr erstaunt über die rasante Entwicklung.
Ich bekomme auch uneingeschränkt Hilfe von allen, und wenn das so triviale Sachen wie Fahren sind. Generell tue ich das zwar allein, bei komplizierteren Sachen nehme ich dies aber gern in Anspruch. Ende Mai fragt mich Frau Dr. A., ob ich bereit sei für eine Behandlung unter Hypnose. Sofort stimme ich zu, weil ich es wirklich selbst erleben möchte. Ich weiß inzwischen, dass ich mit meinem Geist und meinem Bewusstsein eine Menge erreichen kann, doch dies bietet mir die Chance zu einer noch besseren Qualität.
Am 07.06.2010 ist es dann soweit. Ich habe im Vorfeld vier positive Aspekte meines Lebens ausgiebig schriftlich geschildert. Wir entscheiden uns gemeinsam für meine Heimat (auch dies sage ich bewusst so) Kreta, die ich seit 21 Jahren regelmäßig jährlich besuche. Außerdem hat auch Frau Dr. A. zu Hellas eine starke Affinität. Dort suche ich mir nach Ihrer Aufforderung einen meiner mit positiver Energie überladenen Lieblingsplätze und finde ihn unweit des Lassithi Plateaus. Dazu assoziiere ich den Platz mit für mich positiv beladenen Begriffen.
Mit wenigen Schritten geleitet mich Frau Dr. A. genau dorthin und mit den wechselseitig geflüsterten Begriffen durch sie und Assistentin J. bin ich tatsächlich in meiner Wahrnehmung dort.Ich bin in einer Art Dämmerzustand, habe aber jederzeit das Gefühl, allein wieder in die Realität zurück zu gelangen. Ich merke nur peripher, dass irgendetwas mit meinen Zähnen geschieht. Ich kann trotz des tranceähnlichen Zustandes immer selbst entscheiden, was ich möchte. Am Ende hat die Behandlung 75 Minuten gedauert, in welcher mir zwei Zähne entfernt und bei einem sehr tiefer Karies entfernt wurde. Mein Zeitgefühl sagte mir 45 Minuten Behandlung. Ich bin danach emotional dermaßen aufgewühlt, dass mir Frau Dr. A. erst nach einer halben Stunde gestattet, mein Auto zu benutzen. Auf dem Weg nach Hause gebe ich bei meiner Gesundheitskasse den weiteren Behandlungsplan ab und frage nach eventueller Übernahme der Kosten für die Hypnose. Ich weise auf die schmerzarme Behandlung hin und erwähne die Kostenersparnis gegenüber anderen Methoden.
Für die junge Frau hinter dem Beratungtresen ist dies alles nicht fassbar, nicht wissenschaftlich nachweisbar und vor allem nicht Kosten erstattbar. Ich erzähle ihr, das ich dies gerade vor einer Stunde selbst erlebt habe. Ihr Originalkommentar: „Wer weiß, was sie da mit Ihnen gemacht haben?“ „Hypnotisiert“ erwidere ich lachend und verzichte auf weitere Diskussionen. Sie ist in ihrer armseligen, schablonenhaften Welt so gefangen, dass sie mir sogar ein wenig leid tut. Für mich waren die ?? Euro das am Besten angelegte Geld meines Lebens. Denn in der Folgezeit kann ich nach einer Anleitung von Frau Dr. A. mich selbst mit einfachen Techniken bei jeder weiteren Behandlung an diesen Ort versetzen, mich ablenken und so Unruhe (von Angst rede ich schon nicht mehr)und Unangenehmes minimieren. Ich bin so euphorisiert, dass ich in der Folgezeit jeder Behandlung relativ gelassen entgegensehe. Den heißen Sommer 2010 nutzen wir zu wenig „belastbaren“ Aktionen, also vordergründig Karies entfernen, Füllungen einsetzen etc..
Nach und nach schaffe ich es, dass ich mir Zähne völlig ohne Betäubung sanieren lasse, was ebenfalls einen weiteren Fortschritt bedeutet. Heraus und sich lösen von der Vorstellung, dass Zahnsanierung ausschließlich mit lokaler oder anderweitiger Betäubung möglich ist. Interessanterweise bestätigt mir Frau Dr. A. in Gesprächen die maßlose Übertreibung vor den Gefahren des Amalgams. Nur Menschen mit allergischen Reaktionen sollten ihre Zähne davon lassen, ansonsten ist es ausschließlich eine Frage der Kosten. Zu den neueren Substanzen gibt es nach ihrer Meinung keine Langzeiterfahrungen. Sie meint nur: „Wir sind angehalten, im Gegensatz zum Amalgam das Material ausschließlich mit Handschuhen anzufassen und auch sonst nicht mit ihm in Berührung zu kommen. Und Ihnen als Patienten setzen wir es in den Mund!“ Also wähle ich für die Zähne im nicht sichtbaren Blickfeld die kostenfreie Variante Amalgam. Ich habe mich auspendeln lassen und weder die noch vorhandenen Füllungen aus meiner Jugendzeit noch die neuen sind schädlich für meinen Körper.
Ich kann inzwischen mit ihr sogar auch über solch grenzwertige Sachen wie Heilung nach Grabowoi oder NGM diskutieren. Das trägt zur weiteren Vertrautheit bei. Es ist auch einfach nur stimmig in dem Gesamtprozess, dass ich mich mit ihr und den Assistentinnen auch über persönliche Sachen abseits des Behandlungsplanes unterhalten kann. Die Frage, ob die drei Assistentinnen wegen ihrer Attraktivität – durch welche sie allein schon die Welt ein wenig lebenswerter machen – mit zum kompletten Komplex Phobiepatienten gehören, stelle ich allerdings erst später. Solche völlig eigentlich normalen Dinge wie freundliches Begrüßen aller Involvierten per Hand, sich Bedanken nach jeder Behandlung, allgemeines Kommunizieren auch über persönliche Sachen und freundliches Verabschieden tragen wesentlich zu einen entspannten Gesamtatmosphäre bei. Ich tue ab und zu durchaus auch kund, dass ich mich in ihrer Obhut sicher fühle. Das bekomme ich bei den Behandlungen tausendfach an Freundlichkeit zurück. Und sie registrieren meine positiven Veränderungen auch von Woche zu Woche.
In meinem Unterkiefer sind auf beiden Seiten jeweils noch drei Zähne zu entfernen. Und dies soll an zwei Terminen immer auf einmal geschehen. Frau Dr. A. erklärt mir dies mit den Betäubungsvorgängen im Unterkiefer, durch welcher ein Hauptnerv verläuft und somit den gesamten Bereich taub legt. Die linke Seite ist komplett nach nicht einmal drei Minuten erledigt, für rechts bereitet sie mich auf eine etwas längere Sequenz vor. Dort sind die Wurzeln tiefer und liegen auch relativ kompliziert. Das erste Mal frage ich sie, ob ich mich auf Eventualitäten einstellen und mir pro forma ein paar Schmerztabletten besorgen soll. Bisher habe diese nie benötigt, wie ich generell auch keine Tabletten im Haus habe. Originalkommentar von Frau Dr. A. „ Lassen sie das wie bisher sein. Sie wissen genau so wie ich, dass sie damit nur Schmerzen anlocken. Wenn sie keine besitzen, werden sie auch keine Schmerzen verspüren“. Genau daran halte ich mich und genau so ist dann auch meine Realität. Die Prozedur dauert dann seine Zeit, ich kann mich sehr lange an meinen Lieblingsort versetzten. Nur beim letzten Zahn merke ich dann doch, dass die Wirkung der Betäubung rapide nachlässt. Und da wir im Verlauf meiner Behandlungen sowieso herausgefunden haben, dass ich lingual meist noch eine zusätzliche Betäubung benötige, spritzt sie noch einmal lokal nach. Nach dem erfolgreichen Ende des Vorgangs meine ich fröhlich, dass sie mir schon allein aus dem Grund immer sympathischer werde, dass ich bei ihr ungestraft in Deutschland nach mehr Drogen betteln dürfe. Sie bricht in schallendes Gelächter aus und der Tag ist einfach nur vollkommen.
Ende August 2010 erhalte ich eine Überweisung zu einer Kiefernchirugin. Zum einen ist nicht völlig aus dem Röntgenbild ersichtlich, ob die Wurzeln meines Backenzahn sowie meines Weisheitszahn im rechten Oberkiefer bis in die Kieferhöhle. Zum anderen ist es natürlich auch ein Test, ob und wie ich mit mir unbekannten Ärzten agieren kann. Ich vereinbare den Termin mit Selbstsicherheit. Frau Dr. med. P. ist eine gestandene ältere Medizinerin, welche nur kurz einen Blick auf die Röntgenbilder wirft, dann trocken lächelnd und lakonisch fragt, ob dies dann wohl die letzten beiden Zähne seien, die zum Schluss noch raus müssten. Ich mag ihre etwas burschikose Art, auch wenn das Ambiente des Ärztehauses im Gegensatz zu „meiner“ vertrauten Praxis natürlich steril und kasernengrau wirkt. Ich kann all meine Wünsche für den Termin kundtun – also Mondphasen beachten sowie günstigste Tageszeit für die Herzbelastung. Und genau nach meinen Vorstellungen vereinbaren wir den Termin für den 02.09.2010.
Für diesen Tag habe ich mir einen Freund zum Fahren gesucht. Erstens ist für mich der Behandlungsort am anderen Ende der Stadt und zweitens ist eine Kieferbehandlung vielleicht doch noch mal etwas anderes als eine für mich inzwischen normale Behandlung beim Zahnarzt. Die zwei Herren, die mit mir im Vorzimmer der Praxis warten, verbreiten eine nervöse Atmosphäre. Sie sind wohl in dem Zustand, in welchem ich mich noch vor Wochen befand. Ich bin froh, als ich in das OP – Zimmer geleitet werde. Frau Dr. med. P. erklärt mir verständlich, was sie mit mir vorhat. Anschließend darf ich über meine Krankengeschichte berichten. Danach merke ich nur noch den Einstich der Spritze und begebe mich in meine südliche Hemisphäre. Mir wird ständig erklärt, was gerade abläuft. Das mein Backenzahn gespalten und gemeißelt werden muss, interessiert mich dabei nur verbal.
Auch dass nach 45 Minuten die Wunde genäht werden muss, ist für mich zwar ein interessantes Detail, beunruhigt mich jedoch auch nicht. Von der Behandlung merke ich wirklich überhaupt nichts. Und wie schon bei Frau Dr. A. stelle ich auch hier fest, dass ich es ausschließlich mit sehr erfahrenen,sicheren und fachlich absolut auf höchstem Niveau praktizierenden Fachleuten zu tun habe. Dass ich am Ende dankbar auf die gutgemeinte Iboprufentabletten verzichte, erstaunt dann die Kiefernchirugin allerdings doch etwas. Einzig die etwas kompaktere und längere andauernde Betäubung bemerke ich an diesem Tag.
Am Abend schon belohne ich mich mit einem Essen bei meinem hellenischen Freund.
Vor dem Abschluss der ersten Behandlungsperiode steht neben dem Fäden ziehen noch eine Wurzelkanalbehandlung an. Dies ist dermaßen interessant, dass ich fast auf das Angebot eingehe, mir das Ganze live mit auf einem Monitor anzuschauen. Ich lasse es dann aber doch bleiben, denn obwohl ich sonst ein visueller Typ bin, möchte ich das Geschehen nicht per Bild verfolgen. Absolute Hochachtung bekunde ich jedoch über das filigrane Arbeiten im Präzionsbereich.
Dann ist die erste Etappe abgeschlossen, jetzt sollen sich meine Kiefer erholen und die Wunden vollständig abheilen. Das nutzen wir zu einer gemeinsamen Kostenaufstellung. Durch meinen sozialen Status als Hartz IV – Empfänger habe ich bisher nahezu alle Kosten von meiner Gesundheitskasse erstattet bekommen. Ich habe deswegen in der Praxis auch keine Abwertungen erlebt. Für mich war es außerdem nahezu beruhigend zu erleben, dass neben mir im Wartezimmer ebenfalls Doktoren und Professoren mit ähnlichen Krankheitsbildern saßen. Diese Krankheit Oralphobie achtet nicht auf den sozialen Status! Ich kann mich erst einmal über die verschiedenen Möglichkeiten beim Zahnersatz informieren.
Die beiden Schwestern an der Rezeption haben inzwischen drei auf mich zugeschnittene Varianten ausgearbeitet. Nach ausgiebigen Gesprächen entscheide ich mich für eine nachhaltige Möglichkeit mit eigener Zuzahlung im oberen dreistelligen Bereich. Jetzt liegen zwei Monate „Pause“ vor mir, ich bedanke mich herzlich bei allen. Ich schenke Frau Dr. A. neben meinen eigenen schriftlichen Arbeiten einen tibetischen Healing Stick (Gyazmo) samt dem dazu gehörigen tibetischen Buch der Heilung. Das ist mir ihre Begleitung bei meinem Weg zurück ins Leben auf jeden Fall wert.
Zum Ende des Jahres 2010 geht es dann weiter mit Zähnen ab- und einschleifen, mit Überkronungen und Anpassungen des Zahnersatzes. Für mich hat sich durch die fast zwei Monate nichts in meinem Verhalten geändert. Vor dem Abschleifen des Schneidezahnes stellt mir Frau Dr. A. die Frage, ob ich gut geschlafen habe. Ich verstehe das nicht ganz, warum nicht? Für viele soll dies noch mal eine echte Herausforderung sein, über die sich Gedanken gemacht wird Ich überstehe diese Behandlung ohne Pause und ohne nennenswerte Probleme. Am Ende stellen Frau Dr. A. und Assistentin J. fest, dass ich nun wohl alles mit mir machen lassen würde. Zahnärztlich gesehen beantworte ich diese Frage zu 120 % mit ja. Vor Weihnachten 2010 ist mein oberer Zahnersatz ohne größere Komplikationen angepasst und einsetzbar. Für mich wieder zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, doch das legt sich innerhalb von zwei Tagen. Am 23.12. 2010 bin ich vor den Feiertagen noch einmal zu einen Check in der Praxis. Da aber alles mehr als in Ordnung ist, kann ich nur meine Geschenke verteilen. Die Assistentinnen bekommen jede ein original indisches Seidentuch und dabei vergesse ich auch die beiden an der Rezeption arbeitenden nicht. Frau Dr. A. überreiche neben dem Tuch das Buch von Grigori Grabowoi. Die Damen umarmen mich und nichts dabei ist künstlich oder gespielt. Frau Dr. A. unterlässt das mit dem Hinweis auf ihr Alter (obwohl wir beide fast gleich alt sind). Aber ich begreife schon, dass sie bei aller Vertrautheit und gegenseitiger Achtung auch die notwendige Distanz zwischen Ärztin und Behandelndem gewahrt wissen möchte.
Das neue Jahr beginnt dann mit ähnlichen Sachen im Unterkieferbereich. Zeitaufwendig ist allein noch einmal die Behandlung, welche der Tatsache geschuldet ist, dass das Langzeitprovisorium meines wurzelkanalbehandelten Zahnes eines Abends beim Essen buchstäblich auseinanderbricht und diesen förmlich spaltet. Zudem muss dann dort bei der endgültigen Sanierung auch noch Zahnfleisch entfernt werden. Dass Schleifen und Überkronen sind dagegen für mich schon beinahe alltägliche Sachen. Nach nun noch zwei weiteren Terminen zum Anpassen des unteren Zahnersatzes werde ich Mitte März meine Behandlungen abgeschlossen haben. In zehn Monaten haben wir es erreicht, dass mein Gebiss total saniert und schön anzusehen sein wird. Als Dankeschön habe ich bereits wieder etwas geplant. Natürlich habe ich bereits gefragt, ob ich danach weiterhin regelmäßig zu Checks die Hilfe in Anspruch nehmen darf. Denn wie ein Bekannter ziemlich treffend gesagt hat: „Wenn dir langweilig ist, gehst du wohl jetzt zum Zahnarzt.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.


